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Die entscheidende Reise nach Deutschland

Seiten 27-29

Im Mai 1928 darf Knaus seine neuen Erkenntnisse vor der Gesellschaft für Ge­burtshilfe und Gynäkologie in Berlin präsentieren. Die Begrüßung ist freundlich, weil man Österreicher mag, aber die Diskussion nach seinem Vortrag ist heftig. Die ›Platzhirsche‹ verteidigen ihre Ansichten.

Knaus verbindet seinen Berlinaufenthalt mit einem Besuch der dortigen Uni­ versitätsfrauenklinik, wo ihn eine Beobachtung förmlich elektrisiert: »[Dort] er­ schloss sich mir im Mai 1928 ein neuer Weg zur Bestimmung des Ovulationstermi­nes. Ich hatte zu jener Zeit in der Röntgenabteilung der Universitäts­Frauenklinik Geheimrat W. Stoeckel’s in Berlin Gelegenheit, die kräftigen Bewegungen der menschlichen Gebärmutter [im Röntgen] zu sehen. Im Anblick dieser lebhaften Uteruskontraktionen hatte ich als ein in der Muskelphysiologie seit Jahren Arbei­ tender sofort das Verlangen, diese starken Bewegungen graphisch darzustellen, und dies umso mehr, als ich durch den damaligen Leiter dieser Abteilung, Dr. G. K. F. Schultze, erfahren hatte, dass sich die menschliche Gebärmutter in bisher uner­ klärlicher Weise sehr wechselnd verhalte, d. h. bald rege Bewegungen zeige, bald schlaff und nahezu bewegungslos daliege.«

Das erinnert Knaus an ein rätselhaftes Verhalten der Gebärmutter: »[Es ist] den Geburtshelfern nicht entgangen, dass die Anwendung des Hypophysenextraktes als wehenerregendes Mittel nicht immer denselben erwünschten therapeutischen Erfolg hervorruft.«

Rückblickend lässt sich ein Teil dieser Beobachtung leicht erklären: Der ein­ gesetzte Extrakt wird aus tierischen Hypophysen gewonnen; er ist also das, was wir heute ›natürlich‹ nennen würden. Daher enthält er sehr unterschiedliche Mengen der entsprechenden Hormone. Mit der fehlenden Vergleichbarkeit von Extrakten befasst sich im Jahr 1925 bereits eine internationale Konferenz zur bio­ logischen Wertbestimmung von Arzneimitteln. Nun wird genau festgelegt, wie alt, groß und schwer die Meerschweinchen sein dürfen, die den Hypophysenextrakt liefern. Damit kann die Konzentration der Hormone und damit die Wirksamkeit des Extraktes wenigstens einigermaßen vorhergesagt werden und die vielen unter­ schiedlichen Produkte lassen sich besser vergleichen.

Dieses Übereinkommen kann das Problem aber nur zum Teil lösen. Knaus ist weiterhin frustriert: »[W]ir [sind] nicht imstande, mit Hilfe von Hypophysen­ extrakt die Schwangerschaft zu unterbrechen oder eine Frühgeburt einzuleiten, ohne zu wissen, aus welchem Grunde das Hypophysenextrakt die Gebärmutter­ muskulatur vor dem normalen Ende der Gravidität, wenn überhaupt, so nur zu mangelhaften, kurz dauernden Wehen anzuregen vermag.« Wieder schließt er mit Scharfsinn aus seinen bisherigen Untersuchungen, dass es dafür noch andere Ursachen gibt: »[Die] mannigfaltigen klinischen Beobachtungen lassen anschei­ nend die Möglichkeit offen, dass die Hypophysenextraktwirksamkeit in der Zeit von der Eröffnungs­ bis zur Nachgeburtsperiode […] von einer Änderung im Ver­ halten der Uterusmuskulatur […] gegenüber diesem Hormon bestimmt wird.«

Vor diesem Hintergrund macht ihn die Berliner Beobachtung über das Verhal­ ten der Gebärmuttermuskulatur besonders neugierig. Er will »das wechselvolle Verhalten der menschlichen Gebärmutter« nicht nur grafisch darstellen, sondern hat eine geniale Vermutung über seine Ursache: »Ich brachte [es] sogleich in Zu­sammenhang mit dem im Verlaufe des menstruellen Zyklus zeitweise wirksam werdenden Hormon des Gelben Körpers, dessen Einfluss ich […] am 31. Jänner 1927 entdeckt und später […] näher studiert hatte.« Er will den schwangeren Uterus mit dem nicht schwangeren vergleichen: »Meine Gedanken richteten sich nun gleich […] nach der Bestimmung des Zeitpunktes der […] Funktionsänderung der Uterusmuskulatur, der […] etwa 24 Stunden nach dem Follikelsprung liegen musste.«

Sofort macht er sich daran, die Berliner Aufzeichnungsmethode zu überneh­ men: »Nachdem es mir […] gelungen war, die menschliche Gebärmutter ihre eigenen spontanen Bewegungen selbsttätig aufzeichnen zu lassen, ging ich daran, an vollkommen gesunden Frauen mit regelmäßig in 28–30tägigen Intervallen auf­ tretenden Menstruationen die Reaktionsfähigkeit des Uterus gegenüber Hypo­ physenhinterlappenextrakt im Verlaufe des mensuellen Zyklus systematisch zu prüfen.« Denn: »Der Fortschritt in der Wissenschaft stützt sich in erster Linie auf die Einführung und den Gebrauch neuer Arbeitsmethoden.«

Das Ergebnis ist eindeutig: »Was nun den Zeitpunkt der Ovulation anlangt, so läßt sich jetzt auf Grund der vorliegenden Tatsachen seine Bestimmung mit wei­ testgehender Genauigkeit durchführen.« Und nun kommt das atemberaubende Resultat dieser genauen Bestimmung: »Gestützt auf die Ergebnisse dieser mit Hilfe einer objektiv arbeitenden Methode durchgeführten Untersuchungen, die an Frauen mit verschiedenem Menstruationstypus den Beginn der Corpus­luteum­ Funktion während des mensuellen Zyklus festgestellt haben, und gestärkt durch gewisse Beobachtungen, […] bin ich heute in der Lage, den Ovulationstermin durch folgendes, für alle Typen des mensuellen Zyklus gültiges Gesetz festzulegen: Die Ovulation erfolgt bei Frauen mit physiologischen Genitalfunktionen stets am 15. Tage vor Eintritt der Menstruation.«

Außerdem kann er festhalten, »[…] daß […] das unbefruchtete Ei keinen wie immer gearteten Einfluß auf das Corpus luteum ausübt«. Vielmehr hat »das Cor­ pus luteum metoestrum eine autonome Funktion von regelmäßig 14 Tagen«. Mit dem Zusatz ›metoestrum‹ wird der Zeitraum zwischen Freisetzung der Eizelle und Rückbildung des Gelbkörpers bezeichnet, wenn es nicht zu einer Befruchtung ge­kommen ist.

Das ist es, was er gesucht hat.