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Die Erkenntnis: Eisprung bedeutet Befruchtbarkeit

Seiten 30-32

Schon viele Autoren hatten sich an der Bestimmung des Eisprungtermins die Zähne ausgebissen: Sie befragten Patientinnen, ob und wann sie den sogenannten Mittelschmerz fühlten, inspizierten die weiblichen Organe oder vertrauten auf das Mikroskop. Keiner hatte das Rätsel lösen können.

Hermann Knaus könnte es nun bei seiner Entdeckung belassen und sich aus dem Forschungslabor zurückziehen: Seine Habilitation ist angenommen, er hat seinen wissenschaftlichen Fußabdruck hinterlassen, nun könnte er ein bequemes Leben als angesehener Frauenarzt führen.

Doch Knaus denkt sofort weiter: Eisprung bedeutet, dass die Eizelle jetzt für eine Samenzelle aufnahmefähig ist, also befruchtet werden kann. Wenn sich der Eisprung nun auf diesen kurzen Zeitraum eingrenzen lässt, ist damit eine Aussage über die Dauer der Empfängnisfähigkeit der Eizelle, also über die fruchtbaren Tage der Frau, möglich.

An welchen Tagen kann eine Frau schwanger werden? »Es ist ein im Volk weit verbreiteter Glaube, daß gewisse Tage vor und nach der Regel sogenannte ›un­ fruchtbare‹ und also ›ungefährliche‹ Tage sind, mit anderen Worten, daß man an diesen Tagen auch ohne Verhütungsschutz verkehren könne, ohne eine Befruch­ tung fürchten zu müssen. Man hielt das bisher in wissenschaftlichen Kreisen für eine völlig unbegründete Ansicht.«

Tatsächlich sind die Ansichten verschiedener Ärzte, Forscher, Theologen und Philosophen ganz unterschiedlich und reichen von ›jederzeit‹ bis zur konkreten Nennung einzelner Tage; doch keine ihrer Annahmen konnte bisher bewiesen werden. Im Jahr 1883 schreibt der ›Practische Arzt aus Aachen‹ Carl Capellmann in seiner Abhandlung über die Facultative Sterilität: »Es ist bekannt, dass die grösste Wahrscheinlichkeit der Befruchtung dann vorhanden ist, wenn der Coitus in den ersten Tagen nach dem Auf hören der Menstruation stattfindet. Darnach nimmt die Befruchtungswahrscheinlichkeit ab und endlich tritt ein Zeitpunkt ein, wo das Eintreten der Befruchtung unwahrscheinlich wird. Dieser Zeitpunkt liegt nach viel­ facher Angabe und auch nach meiner Erfahrung in der dritten Woche nach Beginn der Menstruation. In den letzten Tagen vor Beginn der folgenden Menstruation wird nach den meisten Angaben die Wahrscheinlichkeit der Befruchtung wieder grösser. Dass es irgendeinen Zeitpunkt gebe zwischen zwei Menstruationen, wo der Eintritt einer Befruchtung absolut unmöglich wäre, kann nicht behauptet wer­ den […].«82 Capellmanns Schrift wird allerdings von vielen abgelehnt, sowohl aus moralischen als aus medizinischen Gründen.

Paul Willy Siegel beschreibt im Jahr 1917 anhand von 300 Fällen, dass »zu den verschiedenen Zeiten des Menstruationsintervalles ein auffallender Unterschied in der Fertilitätsfähigkeit der Frau besteht. Die Kurve erreicht am 6. Tage nach Menstruationsbeginn mit 53 % ihren Höhepunkt, d. h. bei 53 % der zur Befruchtung führenden […] Kohabitationen war der 6. Tag post menstruationem als Empfäng­ nistag möglich. Hier ist also die Fähigkeit der Frau, zu konzipieren, am größten. Sie hält sich bis zum 13. und 14. Tage auf beinahe gleicher Höhe, immer über 40 %, um dann bis zum 22. Tage steil abzufallen. […] Nach dem 22. Tage ist bis zum Beginn der nächsten Menstruation die Empfängnisfähigkeit der Frau auf ein Minimum herabgesetzt. Sie ist freilich nicht gleich Null, wie ich früher annahm. Sie ist nur mit 3–5 % so gering, daß Konzeptionen in dieser Zeit praktisch eine untergeordnete Rolle spielen.«

Andere Autoren legen Berechnungen vor, in denen sie das jeweilige Hochzeits­ datum mit dem Datum der letzten Regelblutung und dem Geburtsdatum des ers­ ten Kindes in Verbindung zu bringen suchen. Entsprechend der sozialen Überein­ kunft, nach der ein Mädchen jungfräulich in die Ehe zu gehen habe, nehmen sie als Termin der Schwängerung die Hochzeitsnacht an.

Kein Wunder, sagt auch Knaus, dass der Ovulationstermin früher falsch festge­ setzt wurde, »weil man damals keine Kenntnis vom wahren Wesen der Menstru­ ation hatte und diese mit der Brunstblutung der Hündin identifizierte, bei der die Ovulation tatsächlich mit dem Ende der Blutung eintritt«.

Im Gegensatz zu Knaus’ Erkenntnisweg über die veränderten Eigenschaften der Gebärmuttermuskulatur geht Kyūsaku Ogino einen anderen Weg: Bei den damals erstmals möglichen routinemäßigen gynäkologischen Operationen inspiziert er die Eierstöcke und gegebenenfalls den Gelbkörper. Er kennt die aktuelle deutsche Wissenschaftsdiskussion aus Übersetzungen durch den Missionspfarrer Hubert Reinirkens SVD und dank seiner eigenen Deutschkenntnisse (in Japan waren die medizinischen Fachbegriffe deutsch, vergleichbar mit unseren heutigen lateini­ schen und griechischen Fachtermini). Seine Beobachtungen veröffentlicht er im Februar 1923 auf Japanisch im Hokuetsu Medical Journal. Darin kritisiert er die bis dahin gebräuchliche Rechenweise, den Tag des Eisprunges ab dem ersten Tag der Menstruation zu berechnen. Stattdessen kommt er wie Knaus zu dem Schluss, es müsse der Termin des Eisprunges vom zu erwartenden Einsetzen der nächsten Regel zurückgerechnet werden. Daraus und aus dem Zusammenhang zwischen Eisprung und der Entwicklung des Gelbkörpers kann er bestimmen, an welchen Tagen eine Befruchtung möglich ist und an welchen nicht.

In Europa sind Oginos japanische Arbeiten zu dieser Zeit allerdings noch nicht bekannt. Zwar besucht er Deutschland im Jahr 1928, veröffentlicht aber seine deutschsprachige Arbeit erst nach Knaus’ Publikation.

Im Jahr 1932 wird Ogino auf die unterschiedlichen Erklärungsmodelle zurück­ blicken: »Im vorigen Jahrhundert herrschte die Ansicht, daß die Ovulation mit den Menses zusammenfalle. Man nahm daher immer die den Menses nahe liegende Kohabitation als die befruchtende an.«86 Somit dachte man, dass die Regelblutung das Zeichen des Eisprunges sei. Die Annahme der Gleichzeitigkeit von Eisprung und Regelblutung wurde zwar verlassen, doch »ist man jetzt in Europa allgemein der Ansicht, daß die Frau zu jeder Zeit zwischen zwei Perioden befruchtet werden kann, und daß das Konzeptionsoptimum in das postmenstruelle Stadium fällt«