Hermann Knaus Archiv Zur Knaus Übersicht

Er verschafft sich Aufmerksamkeit

Seiten 32-34

Bei der 21. Versammlung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie in Leip­ zig am 23. Mai 1929 repliziert der Münchner Ordinarius Albert Döderlein altes Wissen: »[D]ie Lebensdauer des Ovulum ist uns nicht ganz genau bekannt. Es scheint, daß das Ei gleich nach dem Austritt aus seinem Follikel am geeignetsten ist, Spermatozoen aufzunehmen (Impregnationsoptimum). Es kann aber nicht in Abrede gestellt werden, daß es bis nahe an den nächsten Menstruationstermin, also 14 Tage lang befruchtungsfähig bleibt. Je älter das Ei wird, umso weniger scheint es zur Befruchtung geeignet zu werden (Imprägnationsminimum). Ob ein direkt vor einer Menstruation stattgehabter Geschlechtsverkehr noch ein lebendes Ei antref­fen kann, ist sehr unwahrscheinlich.«

Nach dem Referat des ›großen Alten‹ meldet sich der junge Dozent der Uni­ versitätsfrauenklinik in Graz Hermann Knaus zu Wort und erklärt, »dass diese Ansichten nicht mehr aufrechtzuerhalten seien, weil es ein allgemein gültiges bio­ logisches Gesetz gebe, dem alle Warmblüter […] unterliegen. Diese […] schon im Jahre 1847 beschriebene Eigentümlichkeit des Warmblütereies ist von nur ganz wenigen Naturforschern, […] von den Geburtshelfern [aber gar nicht] zur Kennt­ nis genommen worden, was zur Folge hatte, dass sich auch die angesehensten Ge­ burtshelfer wie A. Döderlein in nur jeder Beweiskraft entbehrenden Spekulationen ergingen. Es war also für mich nicht schwer, dieses gebrechliche Gedankengebäude sofort zum Einsturz zu bringen und meine Kollegen auf die seit langem bestan­ denen wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse hinzuweisen.« War es nur ein ›Hinweis‹, mit dem der junge Assistent Knaus das »gebrechliche Gedanken­ gebäude zum Einsturz« brachte? Später wird er es so formulieren: »Im Jahre 1929 verkündete ich […] meine Lehre […].«

Die strikte Einhaltung des Ablaufplanes wiegt jedoch schwerer als die wissen­schaftliche Sensation, sodass Knaus noch Jahre später darüber klagen wird, dass ihm »vor Beendigung meines Vortrages von den Vorsitzenden H. Sellheim und Ed. Martin wegen Überschreitung der mit 10 Minuten festgesetzten Redezeit das Wort entzogen wurde«.

Knaus schiebt seine mündlichen Ausführungen bereits am 12. Juli 1929 in schriftlicher Form nach: In der Münchener Medizinischen Wochenschrift erscheint sein Artikel, mit dem er die geltende Lehrmeinung zu Fall bringt, »dass die Frau in der ganzen Zeit zwischen zwei Perioden befruchtet werden kann«.92 Schritt für Schritt erläutert er seine Erkenntnis, »dass es auch beim geschlechtsreifen Weibe eine physiologische Sterilität gibt«.

Vergleich der Rechenmethoden für fruchtbare und unfruchtbare Tage

Berechnung nach Ogino

Kürzester Zyklus minus 18 Tage = 1. fruchtbarer Tag
Längster Zyklus minus 11 Tage = letzter fruchtbarer Tag

Berechnung nach Knaus

Kürzester Zyklus minus 17 Tage = 1. fruchtbarer Tag
Längster Zyklus minus 13 Tage = letzter fruchtbarer Tag

Zum Ersten seien die Eizellen nur wenige Stunden lang befruchtbar.
Zum Zweiten ist auch »die Kenntnis von der Dauer der Befruchtungsfähigkeit der Samenzellen in den oberen weiblichen Geschlechtswegen von Bedeutung. Auch hierüber hat man bisher unzutreffende Vorstellungen gehabt, weil man bewegungsfähige Samenzellen stets für befruchtungsfähig hielt.«

Diese »unzutreffenden Vorstellungen« lesen sich beispielsweise in einem gän­gigen Lehrbuch wie folgt: »Die eingewanderten Spermien bleiben lange, bis zum Eintritt der Menstruation befruchtungsfähig; aus diesem Grunde wird es auch nicht schwer sein nachzuweisen, dass Cohabitation an jedem Tage der Intermens­truationszeit zur Conception führen kann […].«

Das stimmt nicht, sagt Knaus mit Blick auf neuere Forschungen. Samenzellen müssen »spätestens am 2. Tage nach ihrer Aufnahme in den weiblichen Fortpflan­zungsapparat zur Eizelle gelangen […], um dieselbe noch befruchten zu können«.

Denn später sind die Spermien dazu nicht mehr in der Lage. Der Grund für ihre kurze Überlebensdauer ist einerseits die Bauchhöhlenwärme, die für die tempera­turempfindlichen Spermien zu hoch ist, andererseits liegt es an den chemischen und biologischen Einflüssen, die in den weiblichen Genitalorganen herrschen.

Die ›immerwährende Empfänglichkeit der Frau‹98 ist also ein Märchen: »Durch die Tatsache, daß die beiden Gameten bereits so kurze Zeit nach dem Austritt aus ihren Bildungsstätten ihre Keimfähigkeit verlieren, gewinnt die auf den Tag genaue Bestimmung des Ovulationstermines außerordentliche Bedeutung.«

Denn daraus ergibt sich: »Frauen mit regelmäßigem, 4wöchentlichen Zyklus können also in den ersten 10 Tagen und vom 18. Tage des mensuellen Zyklus an nicht konzipieren.«100 Die Menstruationsblutung ist demnach das Ende eines Zyk­lus und nicht der Anfang, wie man es bisher sah: »Unter monatlichem Zyklus ver­ steht man die Zeit, welche mit dem ersten Tage der monatlichen Blutung beginnt und mit dem letzten Tage vor Eintritt der nächsten Periode endet […].«

Wann kann die Frau denn nun schwanger werden? »Haben wir […] in strenger Wissenschaftlichkeit den Ovulationstermin einer Frau bestimmt, dann baut sich darauf, wenn wir ausschließlich unsere biologischen Kenntnisse über die Dauer der Keimfähigkeit der beiden Gameten zu Worte kommen lassen, ein Konzep­tionstermin auf, der den Ovulationstermin nur um zwei Tage nach vorne und einen Tag nach hinten überragt. Aber mit Rücksicht auf die menschliche Unzu­länglichkeit in der sicheren Berechnung dieser Tage habe ich in vollem Bewußtsein der Verantwortung für die Auswirkungen meiner neuen Lehre in der Praxis den biologisch gerechtfertigten Konzeptionstermin noch um einen Tag nach vorne ver­längert. […] Daraus leite ich […] das folgende […] Gesetz ab: Der Zeitraum der Konzeptionsfähigkeit entspricht dem um drei Tage nach vorne und einen Tag nach hinten erweiterten Ovulationstermin.«