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Ist Verhütung eine ärztliche Aufgabe?

Seiten 43-46

Da Knaus gar nicht auf der Suche nach einer Verhütungsmethode war, sondern diese Entdeckung gewissermaßen als Nebenprodukt seiner Forschung gewinnt, bemüht er sich anfangs nicht sonderlich um deren praktische Umsetzung: »Als ich nach jahrelanger Beschäftigung mit verschiedenen Fragen der Fortpflanzungs­ physiologie im Jahre 1928 die Zusammenhänge der entscheidenden Ereignisse in der Zeugung richtig erfasst […] hatte, war es mir als Naturforscher in erster Linie darum zu tun, die Mediziner und da vor allem die engeren Fachkollegen auf die damals noch herrschenden irrigen Anschauungen […] aufmerksam zu machen und sie […] von der Unmöglichkeit des Festhaltens an der falschen Ansicht, dass das menschliche Weib an jedem Tage des Zyklus befruchtbar wäre, zu überzeugen. Diese […] Aufgabe nahm mich […] ganz in Anspruch […], bis mich im Jahre 1931 der Verhandlungsgegenstand ›Sterilisierung und Konzeptionsverhütung‹ der Deutschen Gynäkologen­Tagung in Frankfurt a. Main an die praktische Auswer­ tung […] denken ließ.«

Das stimmt allerdings so nicht ganz, denn Knaus erwähnt bereits 1930 japa­ nische Untersuchungen, »die bei sorgfältiger Einhaltung der zeitlichen Grenzen zwischen natürlicher Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit der Frau zeigen konnten, dass man auch willkürlich Schwangerschaft erzeugen und vermeiden kann«.

Der erwähnte Deutsche Gynäkologenkongress in Frankfurt (1931) beschäf­ tigt sich erstmals mit Sterilisierung und Konzeptionsverhütung. »Damit war der Damm gebrochen und noch im gleichen Jahr erschienen u. a. im ›Zentralblatt für Gynäkologie‹ mehr Originalarbeiten zur Kontrazeption […] als in der gesamten Zeit seit dessen Gründung im Jahre 1877. […] In der genannten Zeitschrift tauchen sogar Werbeanzeigen für Kontrazeptiva auf […].«

Eine dieser Arbeiten stammt von Günter Karl Friedrich Schultze, der Knaus im Mai 1928 die kräftigen Bewegungen der menschlichen Gebärmutter im Rönt­ gen gezeigt hatte, Knaus’ Veränderungen/Weiterentwicklung seiner Methode aber offenbar nicht schätzt: »Meine Befunde und ihre Deutung widersprechen vollkom­ men den von Knaus veröffentlichten Angaben über den Einfluß des Corpus luteum auf die Pituitrinreaktion der nicht schwangeren Gebärmutter.«154 Sodann zer­ pflückt er sie Schritt für Schritt. Ein Teil der Unterschiede kommt durch veränderte Verfahrensweisen zustande, ein anderer Teil durch subjektive Interpretationen. Darauf hin fühlt sich Knaus in seiner wissenschaftlichen Ehre gekränkt: »Schultze will […] offenbar sagen, ich hätte Untersuchungsergebnisse, die ich am Uterus der einen Tierart fand, auch dem Uterus einer zweiten Tierart zugeschrieben, ohne vorher meine Untersuchungen auf den Uterus der zweiten Tierart ausgedehnt zu haben. Dieser Auffassung von so kritiklosem experimentellen Arbeiten auf mei­ ner Seite muß ich entschieden entgegentreten. […] Es bedurfte […] wirklich nicht des Schultze’schen Einwandes, daß die von mir am Kaninchenuterus festgestellten Gesetzmäßigkeiten für den Rattenuterus nicht gelten, da mir diese biologischen Eigentümlichkeiten ja schon lange vor Schultze bekannt waren.«

Den erwähnten ›Dammbruch‹ beim Gynäkologenkongress in Frankfurt kom­ mentiert Niedermeyer: Die »Ansicht der Mehrheit [hat] ergeben, daß die Gebur­ tenverhütung eine Gefahr für das Volk und seinen Bestand zu werden droht. Er [der Kongress, Anm. d. A.] hat aber nicht mit der nötigen Entschiedenheit zum Ausdruck gebracht, wie ernste Gefahren für die Frauen aus der Geburtenverhü­ tung resultieren.«

Noch ein Jahr zuvor hatte Niedermeyer moderater geurteilt: »Will man es als positiven Gewinn werten, daß durch Massenpropaganda eine Nachprüfung in gro­ßem Ausmaß ermöglicht wird, so wird dieser Gewinn jedoch zu teuer erkauft. Das verhältnismäßig geringste Übel hierbei ist noch die Gefahr von Enttäuschungen und Fehlschlägen. So verhängnisvoll solche im Einzelfall sein können, so dürfen wir nicht verkennen, daß sie bis zu einem gewissen Grade in Kauf genommen wer­ den müssen. Soll wissenschaftliche Erkenntnis fortschreiten, so darf sie sich auch durch Fehlschläge nicht entmutigen lassen. Ich bin mir bewußt, daß übergroße Be­denklichkeit und Überspitzung der wissenschaftlichen Kritik leicht zum Hemmnis des Fortschrittes werden kann. Aber es heißt das zulässige Maß von Optimismus überschreiten, wenn man schon jetzt glaubt, es gäbe keine Schwierigkeiten und Probleme mehr.«

Schon zuvor wurde die hormonelle Sterilisierung heiß diskutiert und von eini­ gen vehement abgelehnt. Kaum hatte der Innsbrucker Physiologe Ludwig Haber­ landt 1921/22 seine Erfolge bei Tieren publiziert, »wurde bereits von verschiedenen Seiten die Meinung geäußert […], daß sich Staat und Kirche der allgemeinen Ver­ breitung eines solchen zur Sterilisierung führenden Präparates aus religiösen, ethi­ schen und strafrechtlichen Gründen vermutlich lebhaft widersetzen würden«.

Der Innsbrucker Anatom und Embryologe Alfred Greil will die temporäre Steri­ lisierung sogar als ›Verbrechen gegen keimfähiges Leben‹ gesetzlich verbieten las­ sen.159 Selbst liberale Gynäkologen wie Wilhelm Liepmann meinen, »daß ein sol­ ches, ›die Sterilität absolut sicher herbeiführendes Präparat nicht im freien Handel zu haben sein dürfte, sondern nur auf Verordnung und unter Kontrolle des Arztes verwendet werden könne‹«.

Im Gegensatz zu ihm steht der Sozialreformer Magnus Hirschfeld: Wenn Pes­ sare, Präservative und Tuben von jedermann leicht ohne Rezept erhältlich sind, ist nicht recht einzusehen, weshalb ein innersekretorisches Mittel anders behandelt werden soll, falls es tatsächlich völlig unschädlich ist.

Während die Ärzteschaft beim Thema Verhütung bremst, preschen die Firmen vor: Kaum ist Knaus’ Lehre bekannt geworden, »[… macht] sich alsbald auch eine spekulative Industrie durch die Anfertigung von Empfängnisverhütungskalendern die Einstellung des Publikums zunutze«, wie Knaus’ Kollege Hans Albrecht aus München beklagt. Positiv formuliert es Herbert Karner: »Den Frauen die Be­rechnung der Konzeptionstermines zu ersparen, sind Kalender angegeben worden, bei denen man nach Einstellung des Menstruationstermines sogleich die frucht­ baren Tage ablesen kann. Einen Kalender, der sich für jede Zyklusform eignet, gibt es natürlich nicht, sondern es wird vom Hersteller des Kalenders gefordert, daß die Frauen ihre durch ein Jahr aufgezeichneten Menstruationstermine einsenden; aus diesen Daten wird die Zyklusform berechnet und dann der ihr entsprechende Kalender geliefert. Ein Kalender, der auf Grund der in diesem Buche wiedergege­ benen Knaus’schen Lehre konstruiert wurde, ist der ›Konzip­Kalender‹. Er kann durch jede Buchhandlung sowie Apotheke bezogen werden.«

Warum müssen Frauen ihre Menstruationsdaten eigentlich über ein ganzes Jahr notieren? Ursprünglich, um die natürliche Schwankungsbreite des individuellen Menstruationsrhythmus zu erkennen; aber auch, um seine Störanfälligkeit zu be­ obachten. Beide Daten werden für die Berechnung der sicheren und unsicheren Tage benötigt. »Der Rhythmus des monatlichen Zyklus kann durch viele Ursachen verändert sein: Im Anschluß an Geburten und Fehlgeburten, nach fieberhaften, schwächenden Krankheiten sowie nach schweren Unfällen und Verletzungen, Operationen und auch seelischen Erschütterungen, bei jeder einschneidenden Än­ derung der sonst gewohnten Lebensführung, wie bei längeren Reisen in Länder mit anderem Klima, bei Hochgebirgs­Touren und anderer intensiver sportlicher Betätigung.«164 »Wenn sich […] die individuelle Eigenart des mensuellen Zyklus ändert […], [verliert] die temporäre Enthaltsamkeit […] ihren Wert als Methode der Empfängnisverhütung.«

Obwohl Knaus von Anfang an »die individuelle Eigenart des mensuellen Zyk­ lus […] [als] wichtigste Voraussetzung für die Sicherheit ihrer Anwendung«166 an­ führt, klingt er in der ersten Auf lage seines Buches (1934) sehr optimistisch: »Mit der Entdeckung der kurz befristeten Konzeptionsfähigkeit des Weibes während des mensuellen Zyklus ergibt sich ganz von selbst die natürlichste und daher wahre Lösung des großen Problemes der Konzeptionsverhütung, weil sie lediglich in der temporären Enthaltsamkeit während der Zeit der Befruchtbarkeit des Weibes besteht.«

Die Störanfälligkeit des Zyklus wird mit zunehmender Anwendung der Knaus’schen Regeln deutlich. Einwände schmettert er anfangs als Unwissenheit ab, etwa so: »Da […] von mangelhaft unterrichteten Kritikern […] der Einwand gemacht wird, daß meine Lehre von der periodischen Fruchtbarkeit und Unfrucht­ barkeit des Weibes biologisch wie praktisch nicht sicher bewiesen sei […].«

Später wird Knaus diese Schwierigkeit der Anwendung seiner Methode selbst eingestehen: »Wir müssen damit rechnen, daß durch unbekannte Einflüsse eine außergewöhnliche und unerwartete Störung im Ablauf des mensuellen Zyklus und damit im Eintritt der Ovulation eintreten kann.«

Die Knaus’sche Methode kann auch aus anderen Gründen unpraktikabel sein, meint ein Eheratgeber aus den 1940er­Jahren: »Im Rahmen des Brautstandes, der bereits bis zur Aufnahme sinnlicher Beziehungen sich entwickelt hat, sowie bei besonderer Sachlage der Regelverhältnisse mancher Frauen und zur Zeit der Wechseljahre mit ihren vollständig unregelmäßigen Regelverläufen, ist diese Art der Empfängnisverhütung oft gar nicht oder nicht mit genügender Sicherheit an­ wendbar.«

Für die Gegner von Knaus’ Lehre besteht eines der Hauptprobleme in der Un­ vorhersehbarkeit. Seine Anhänger verstehen es hingegen als normale Begleit­ erscheinungen der Natur, etwa der Basler Kollege Alfred Labhardt: »A priori waren solche Sprünge zu erwarten; wir erleben solche Dinge ja auch sonst im biologi­ schen Ablauf unserer Organfunktionen. Es ist freilich zu sagen, daß solche uner­ warteten Sprünge nach den bisherigen Erfahrungen nicht gerade häufig sind und daß sie vielleicht in manchen Fällen folgenlos sind, da sie der Ausdruck irgend­ einer Störung sind, bei der das Ei sowieso nicht befruchtungsfähig wäre.«