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Knaus ohne Zukunft in Österreich

Weil die beruflichen Aussichten für Hermann Knaus in Österreich trotz spektakulärer Heilungserfolge weiterhin schlecht sind und er für die nächsten zehn Jahre keine Forschungsmöglichkeiten sieht, will er jetzt (1946) weg aus Ös­terreich. Ob die Rockefeller Foundation ihm eine entsprechende Position in einem englischsprachigen Land verschaffen könnte? Die Antwort ist enttäuschend: Keine Chance, denn es gab und gibt schon zu viele mit demselben Wunsch.

Im Sommer 1947 steht Knaus an erster Stelle auf einem Besetzungsvorschlag für die Universitätsfrauenklinik Erlangen, »die ganze Liste verschwand jedoch in der Versenkung, als gegen Knaus Beschuldigungen im Zusammenhang mit seinem Verhalten im NS erhoben wurden«.769 Wer diese Beschuldigungen gestreut haben könnte, folgt aus einer Bemerkung von Knaus: »Podleschka [Knaus’ ehem. Schüler, Anm. d. A.] supplierte als Dozent diese Klinik und hoffte, sich selbst in den Sattel schwingen zu können, was ihm aber schliesslich doch nicht gelang.«770 Tatsächlich wird Podleschka dann Direktor der Städtischen Frauenklinik in Nürnberg.

Im September 1947 wird durch den Tod von Heinrich Kahr der Chefsessel an der II. Frauenklinik der Universität Wien vakant. Knaus bewirbt sich. »Der berüch­tigte Unterrichtsminister Felix Hurdes sagte damals zu ihm: ›Herr Professor, es ist selbstverständlich, daß Sie die Professur bekommen. Gestatten Sie mir aber bitte als CVler [Mitglied im katholischen studentischen ›Cartellverband‹, insbesondere aber Seilschaftsmitglied der ›Alten Herren‹, Anm. d. A.], daß ich einen Cartell­bruder rein formal aequo loco mit Ihnen reihe. […] Sie bekommen die Professur aber ganz gewiss.‹« So steht also Knaus’ Name an zweiter Stelle des Besetzungs­vorschlages, den Ruf bekommt aber Hans Zacherl (1889–1968), offiziell, weil »die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeiten von Knaus in Lehre und Forschung nicht unumstritten seien«.

Der Journalist Helmut Andics vermutet einen anderen Hinderungsgrund: Knaus’ Befassung mit der künstlichen Befruchtung. »Sektionschef Skrbensky sagte: ›Knaus? Der Mensch hat ja in Prag künstliche Befruchtungen gemacht. So eine Schweinerei! Kommt als Ordinarius für Wien nicht in Frage!‹« Zwar würden sich nur 2 von Knaus’ 72 Publikationen mit diesem Thema beschäftigen, doch hätte das Wiener Ministerium in vorauseilender Zustimmung zur bevorste­henden Verurteilung der Praxis künstlicher Befruchtungen durch den Vatikan ge­handelt.

»In Wahrheit sei Knaus nur übergangen worden, weil er kein CVer gewesen sei und weil seine Anschauungen dem Klerus nicht paßten«, beklagt auch die Nationalratsabgeordnete und ehemalige Widerstandskämpferin Paula Wallisch, wie Knaus aus Kärnten stammend, anlässlich einer Parlamentsdebatte die Posten­besetzung. Das Netzwerk der CVer bestätigt Martin F. Herz, politischer Mitarbeiter der US­Gesandtschaft in Wien: »Das Unterrichtsministerium ist das Bollwerk des Kartellverbandes, da Minister Hurdes selbst ein Alter Herr ist. Der vielleicht mäch­ tigste einzelne Beamte ist hingegen Sektionschef Dr. Otto Skrbensky, CV­Mitglied, der die Universitätsberufungen in der Hand hat.«778 Hinzu kommt, dass die meis­ ten Plätze ganz schnell besetzt bzw. eigentlich gar nicht vakant sind: »Sowohl im Unterrichtsministerium wie auch an der Universität Wien wurde der ›Bedarf‹ an RemigrantInnen als gering eingeschätzt – zumal die Entnazifizierung nicht allzu viele ›Opfer‹ forderte.«

Ganz subtil wird die Qualifikation solcher Universitäten in Zweifel gezogen, von denen eventuelle Konkurrenten zurückkehren könnten. So macht Skrbensky zu­sätzlich zur persönlichen Verunglimpfung von Knaus auch das Niveau der Prager medizinischen Fakultät schlecht: »Wenn auch die Studienvorschriften der beiden Anstalten im allgemeinen sehr ähnlich seien, so entspräche das Ausbildungsniveau der Karls­Universität keinesfalls dem der Wiener Universität.« Eine Gleichset­zung »wäre […] geeignet, das internationale Ansehen der Wiener medizinischen Schule zu gefährden«.

Aber Knaus macht es seinen Feinden auch leicht, denn er ist ein ›Schwieriger‹. Von Verbindlichkeit, Zeichen kollegialer Wertschätzung oder gar diplomatischer Zurückhaltung ist in seinen Schriften wenig zu bemerken. Im Gegenteil: Wer an­ derer Meinung ist, wird von ihm abgekanzelt, öffentlich kritisiert, bloßgestellt – ohne Ansehen der Person. Er macht auch vor denen nicht halt, deren Wohlwol­len er für den angestrebten Job nötig hätte. So wird er etwa in seinem Lehrbuch über die Physiologie der Zeugung schreiben: »Auch Antoine, der sich mit einer sehr mangelhaften Kenntnis der einschlägigen Literatur in die Reihe [der] Zweifler gestellt hat […].« Und nicht nur scharfe Kritik, sondern auch Belehrungen müs­sen seine Widersacher aushalten: »[So] möchte ich [ihn] darüber auf klären, […] wofür ich bereits vor 20 Jahren die kausalen Zusammenhänge richtig erkannt und angegeben habe.« Mit scharfen Formulierungen wie dieser verbaut sich Knaus viel. Antoine ist an der medizinischen Fakultät gut verankert, wird im Studienjahr 1955/56 sogar deren Dekan und hätte es in der Hand, Knaus an der medizinischen Fakultät willkommen zu heißen – oder eben nicht.