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Position der Kirche

Seiten 58-59

Die Kirchen stehen dem Thema Empfängnisverhütung unterschiedlich gegen­ über: Im Juli 1930 spricht sich die Bischofskonferenz der anglikanischen Weltge­ meinschaft für die ›sittliche Erlaubtheit‹ aus. Ein halbes Jahr später meldet sich der katholische Papst Pius XI. mit der Enzyklika Casti connubii zu Wort. Was er darin über Verhütung sagt, wird von verschiedenen ›Interessenten‹ unterschiedlich ausgelegt:
Traditionalisten fühlen sich in ihrer Ansicht bestätigt, jede Verhütung sei ein unsittliches Verhalten, da der ›eheliche Akt‹ nur zur Zeugung von Nach­ kommen bestimmt sei. Anders sieht es der sehr kirchentreue Arzt Leo Latz in den Vereinigten Staaten, leidenschaftlicher Anhänger und Förderer von Knaus’ und Oginos Lehre. Latz fühlt sich durch folgenden Satz aus der päpstlichen Enzyklika bestärkt: »[J]ene Eheleute handeln nicht wider die Natur, die in ganz natürlicher Weise von ihrem Recht Gebrauch machen, obwohl aus ihrem Tun infolge natür­ licher Umstände, seien es bestimmte Zeiten oder gewisse Mängel der Anlage, neues Leben nicht entstehen kann.«

Um möglichst viele Ärztinnen und Ärzte mit der ›Rhythmus­Methode‹ vertraut zu machen, veröffentlicht Latz einen Artikel in der JAMA, der großen amerikanischen Fachzeitschrift für Medizin. Darin erklärt er, warum es so lange gedauert hat, die ›natürliche Kontrolle der Empfängnis‹ zu verstehen: Die Natur habe die Wissenschaft mit der Ähnlichkeit zwischen der menschlichen Menstruation und der ›Hitze‹ bei weiblichen Tieren irregeführt.

Auch an Priester wendet er sich: Für sie gibt er Auf klärungsschriften heraus, die sie an Rat suchende Paare verteilen sollen. Außerdem verfasst er das popu­ lärwissenschaftliche Buch Rhythmus-Methode nach Ogino und Knaus. Es wird zum Verkaufshit: Bis 1942 geht es 200 000 Mal über den Ladentisch und wird von Pfarren sogar als Gewinn beim Bingospielen verschenkt. Insgesamt erlebt es 26 Auf lagen. Für seinen Auf klärungsfeldzug bekommt Latz die Unterstützung des Jesuitenpaters Joseph Reiner sowie anfangs auch die des Erzbischofs von Chi­ cago, George Mundelein. Doch all seine Kirchentreue hilft ihm nichts: Als sich die katholische Zeitschrift America auf sein Buch einschießt, feuert ihn die Jesuiten­ Universität Loyola im August 1934 als Dozent der medizinischen Fakultät.

Die moraltheologische ›Szene‹ setzt sich sehr intensiv mit Knaus’ (und Oginos) Lehre auseinander. Der Erste ist der katholische Theologe Ludwig Ruland aus München, der bereits 1930 in seinen Grundlagen des sittlichen Handelns. Die Ethik des Geschlechtslebens auf Knaus Bezug nimmt.

Im selben Jahr veröffentlicht auch der holländische Arzt Jan Smulders seine Monografie ›Periodische Enthaltung in der Ehe‹. Darin »wird nichts andres ver­ teidigt als die aus sittlichen und vernünftigen Gründen angewandte periodische Enthaltung […], wie sie seit einem halben Jahrhundert von der Kirche geduldet wird. Das Neue ist lediglich, daß an die Stelle der früheren empirischen Methoden jetzt das wissenschaftliche Verfahren Ogino­Knaus tritt.« Auch Smulders’ Werk erlebt mehrere Auf lagen und wird vielfach diskutiert und kommentiert.

Beispielsweise durch den katholischen Gynäkologen Albert Niedermeyer, des­ sen 1932 erschienene Schrift »Seelsorgern, Ärzten und Laien das Rüstzeug an die Hand geben [will], dessen sie bedürfen, um sich […] klar zu werden, daß alle diese Dinge in Wirklichkeit nicht so einfach liegen, als daß man restlos aufgehende Lösungen wie von Rechenexempeln mit ganzen und rationalen Zahlen erwarten könnte«.