Hermann Knaus Archiv Zur Knaus Übersicht

Rechenbehelfe erleichtern die neue Methode

Seiten 47-49

Weil die Anwendung also nicht ganz einfach ist, befassen sich viele geschäfts­ tüchtige Unternehmer mit der Umsetzung von Knaus’ Erkenntnis. Einer von ihnen ist der ehemalige österreichische Marineoffizier Heinrich Heyssler aus Stübing, einem kleinen Ort vor den Toren der Stadt Graz. Mit Unterstützung durch Her­ mann Knaus meldet er bereits am 1. Februar 1930 den Zeitintervall­Anzeiger Konzip in Österreich zum Patent an, um »den Patientinnen die Forschungs­ ergebnisse des Herrn Prof. Dr. Hermann Knaus […] in leicht fasslicher und jeden Rechenfehler ausschliessender Form zugänglich zu machen«. Dabei geht es um eine »einfache und leicht zu handhabende Vorrichtung zur raschen Ermittlung von Zeitintervallen, um insbesondere bei Frauen mit regelmäßigem vierwöchentlichenmensuellen Zyklus jenen Zeitraum seit der letzten Menstruation in bequemer und verlässlicher Weise festzustellen, der für die Konzeptionsfähigkeit der Frau nach den gegenwärtigen Forschungen in Betracht kommt, wobei gleichzeitig jener Zeit­ raum des Intermenstruums angezeigt wird, innerhalb dessen eine Konzeptions­ fähigkeit nicht stattfindet«.

Grafische Darstellungen der weiblichen Blutungen sind nichts vollständig Neues. Bereits der deutsche Gynäkologe Rudolf Kaltenbach veröffentlichte 1891 ein entsprechendes Schema, allerdings entwickelte er es vor allem als Lehrbehelf für seine Studenten. Bei der Anwendung in der klinischen Praxis »erweist sich als recht störend, daß die schematische Einteilung des Monats lediglich in 4 Wochen allmählich zu immer gröberen Verschiebungen führt«. Für den konkreten Ein­ satz entwickelt die Würzburger Frauenklinik Anfang der 1920er­Jahre ein eigenes Diagramm.

Dabei geht es allerdings nicht vorrangig um Fruchtbarkeit: »Wir [haben] ge­ lernt, die Regelblutung als ein nach außen sichtbares Zeichen der Genitalfunktion anzusehen, und benutzen diesen ›Indikator‹ mehr und mehr zur Erkennung der verschiedensten Störungen der Fortpflanzungsorgane.« Ein weiterer wesent­ licher Unterschied zu Heysslers Zeitintervall­Anzeiger Konzip ist der Umstand, dass das Würzburger Diagramm und ähnliche Entwicklungen vom Arzt erst im Gespräch mit der Patientin ausgefüllt werden – also im Nachhinein. Dazu ist es »notwendig, sich mit Geduld und Geschick der Mühe zu unterziehen, eine genaue und möglichst weit zurückreichende Blutungsanamnese […] zu erfragen. Das ist bekanntlich nicht immer ganz leicht«, schildert Herbert Buschbeck die Erfahrun­ gen der Würzburger Frauenklinik.

Wohl um eventuellen Moralpredigern den Wind aus den Segeln zu nehmen, schließt sich an den Zeitintervall­Anzeiger Konzip eine ›ethische‹ Erklärung an:
»Diese Ermittlung ist insbesondere für Frauen von geschwächter Gesundheit von Bedeutung, für welche eine oft unerwünschte Konzeption mit Nachteilen an der Gesundheit verbunden ist.« In dieselbe Richtung zielt Heysslers Versicherung, »dass von vielen Pfarrämtern und Seelsorgern bereits größere Bestellungen ge­ macht wurden«.

Tatsächlich übernehmen viele Pfarrämter den Verkauf des Konzip­Kalenders. Das Alt-Ottakringer Pfarrblatt, Organ der katholischen Aktion in der Wiener Pfarre Alt­Ottakring, widmet dem neuen Rechenbehelf mehrere Artikel: »Die Bedeutung dieses Ehekalenders ist von ungeahnter Größe. Millionen von Eheleuten werden ihn segnen, die ihn besitzen und gebrauchen. Sein Wesen liegt in der genauesten Bekanntgabe von jeden einzelnen Tagen im Jahr, die für das Eheleben schlechthin eine Notwendigkeit sind. […] Gott, der Schöpfer aller Dinge, der alles nach Maß, Zahl, Gewicht im ganzen Universum geordnet hat, muß in seiner Vorsehung auch dieses heiligste Gebiet, das in seine Schöpfermacht hineingreift, unbedingt gere­ gelt haben, und zwar in dem jetzt erst entdeckten Urgesetz, das Gottes Würde ent­ spricht.« Warum sich der Pfarrer so engagiert, fragt das Pfarrblatt weiter: »Weil [er] persönlich überzeugt ist, daß durch den Gebrauch des Ehekalenders eine maßlose und ungeheure Sturmflut von Sünden von unserer Pfarre zurückweicht, so daß Gottes Gnadensonne in gnadenlose, verdüsterte Familien hineinstrahlen wird und hineinstrahlen muß. Der tiefste Urgrund allen Unsegens ist und bleibt die Sünde. Wir nennen ihn Ehekalender, er wird bald den Namen Segenskalender haben.« Den Startschuss für diese katholische Euphorie gab Papst Pius XI. in seinem Rundschreiben über die Ehe vom 31. Dezember 1930, in dem er auf die neue Methode verwies.

Heysslers Zeitintervall­Anzeiger verkauft sich offenbar so gut, dass er ihn auch in anderen Ländern zum Patent anmeldet: 1932 erhält er dieses in Frankreich, Dänemark und in der Schweiz, 1933 in Tschechien und 1934 in den Vereinigten Staaten. 1935 schiebt er in Österreich eine weitere Anmeldung nach, mit der er schon auf physiologische Unterschiede innerhalb des Zyklus eingeht, »um nicht für jede Frau einen eigenen Zeitintervallanzeiger anfertigen oder eine große Zahl von Typen von solchen Geräten vorrätig halten zu müssen«.

Auch andere Konstrukteure werden durch Knaus’ Berechnungen auf die Idee gebracht, ein leicht verständliches Hilfsmittel für Frauen zu entwickeln. Im Jahr 1930 bekommt Knaus Besuch von amerikanischen Ärzten, die einen Freund mit­ bringen: Gilmore L. Tilbrook aus Washington, Militärpilot im Ersten Weltkrieg und nach seinem Ingenieurstudium als technischer Berater tätig. ›Tilly‹ fühlt sich in seinem Ehrgeiz angestachelt, nach Kalkulatoren für fliegerische Aufgaben nun auch einen Rechenbehelf zur Verhütung zu entwickeln. Tatsächlich erhält er ame­ rikanische Patente für sein Rhythmeter.

Der Erfinder Adolf Schmid entwickelt 1931 mit dem sogenannten CD­Indicator (CD steht für Conception Day) einen sehr technisch aussehenden Rechenbehelf, mit dem sich die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage im Voraus bestimmen las­ sen: Dieser ähnelt äußerlich einer Filmdose aus der Zeit der Kleinbildfotos. Der CD­Indicator wird in der Schweiz hergestellt und bis in die 1960er­Jahre in alle Welt verkauft.187 Knaus ist voll des Lobes: »Den C.D. Indicator kann ich als geniales, kleines Meisterwerk der Technik bezeichnen, das jeder Frau die praktische Ver­ wertung meiner Lehre auf die einfachste Weise ermöglicht. Dieser Apparat ist der­ art leicht zu bedienen, daß nach dem Durchlesen der kurzen Beschreibung seine falsche Einstellung ausgeschlossen erscheint. Die fruchtbaren Tage sind sofort ein­ stellbar und werden in Zyklus­ und Monatstagen angezeigt. Ich kann diesen Appa­rat auf das wärmste empfehlen und wünsche ihm eine weiteste Verbreitung.«

CD Indicator

Auf Basis der Entdeckung der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage durch Knaus und Ogino hat der Wiener Adolf Schmid 1931 ein Prä...

Auch Alois Lanzl in Wien meldet 1934 eine ›Vorrichtung zum Anzeigen der Konzeptionsfähigkeit von Frauen‹ an, Ing. Franz Horneck 1937 eine ›Anzeige­vorrichtung zur Bestimmung der Konzeptionsfähigkeit‹. Nun muss man die Frauen nur noch dazu bringen, tatsächlich Buch zu führen:
»Schon die Mädchen müssten dazu erzogen werden, einen solchen Kalender fortlaufend und mit Sorgfalt zu führen, wozu sie von ihren Müttern sofort nach der Men­arche angehalten werden sollten.« Die Begeisterung dafür ist aber nicht überall groß. »Dies alles mag dir wie ein lästiger Zwang erscheinen. Aber nach drei oder vier, höchstens zwölf Zyklen braucht man die Tabelle nicht mehr so genau zu führen«, be­ schwichtigt Claire Souvenance, eine Aktivistin der katholischen Familienbewegung. Schließlich müsse man auch »andere bescheidene, manchmal lästige und trotzdem für die Liebe unerläßliche Dinge tun: sich hübsch anziehen, sich pflegen, seine Gesundheit überwachen, den Haushalt führen. Wenn du bedenkst, daß diese Mühe euch die Möglichkeit gibt, immer den Gesetzen Gottes treu zu bleiben, ohne Sünde einige Tage im Monat einander ganz anzugehören, auch wenn ihr kein Kind haben könnt, dann wirst du sie nicht scheuen. Das ist Selbstlosigkeit: in den kleinen Dingen des Alltags das große Ideal verwirklichen. Nimm jetzt schon, während deiner gan­ zen Brautzeit diese Mühe auf dich aus Liebe zu dem, der dein Mann werden soll.«

Dem erwähnten Kongressschwerpunkt ›Sterilisierung und Konzeptionsver­ hütung‹ im Mai 1931 ging ein harter Kampf zwischen Gynäkologen und Geburts­ helfern voraus. Die Gynäkologen mussten heftig Lobbyarbeit betreiben, um das Thema auf die Prioritätenliste des nächsten Kongresses zu hieven. Entsprechend turbulent geht es dann auch in den Sitzungen zu, wie Knaus berichtet: »Bei der Schwierigkeit dieses Verhandlungsthemas und der Verschiedenheit der Anschau­ungen hierüber kam es trotz eingehender Aussprachen nicht zu Vorschlägen, die allgemeine Billigung gefunden hätten.«

Warum schürt nur Knaus solche Turbulenzen und nicht auch Ogino, dessen Theorie immerhin seit dem 22. Februar 1930 auf Deutsch zugänglich ist? »Daß [dessen] Arbeit unbeachtet überblättert wurde, scheint mir selbstverständlich. Denn sie ist derart zerrissen und baut sich auf einer so beschränkten Grundlage auf, daß sie ihrem Schicksal nicht entgehen konnte. Ein Angriff auf die alte Lehre von der Konzeptionsfähigkeit des Weibes mußte, wenn er Erfolg haben sollte, von breitester, naturwissenschaftlicher Front aus geführt werden […]. So erklärt es sich auch, warum die vielen heftigen Gegenangriffe nicht auf Ogino, sondern nur auf mich erfolgten, denen Ogino, in Ermangelung scharfer Waffen aus dem Lager der Fortpflanzungsphysiologie, sicher nicht gewachsen gewesen wäre.«

Ludwig Fraenkel, Direktor der Universitäts­Frauenklinik in Breslau, bezweifelt Knaus’ neue Erkenntnis über die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage: »[So] halte ich die neuerlichen, viel Aufsehen erregenden Angaben von Knaus über eine un­ bedingt empfängnisfreie Zeit für falsch.« Eine empfängnissichere Zeitspanne innerhalb des mensuellen Zyklus, so daß bei ihrer Einhaltung beim Geschlechtsver­kehr Schwangerschaftsverhütung ausgeübt werden könnte, gibt es nicht.« Und weil ihm weder die Aufzählung der Kollegen ausreicht, die seine Meinung teilen, noch die wissenschaftlichen Gegenbeweise – »Die Behauptungen von Knaus wider­ sprechen allen Erfahrungen« –, nimmt er schließlich noch das jahrtausendalte Wissen der Kulturvölker zu Hilfe: Es könne schon deshalb nicht richtig sein, weil »eine so lange unfruchtbare Zeitspanne auch dem Laien längst aufgefallen wäre«.

Knaus erklärt in seiner Antwort, warum diese Argumentationsweise seiner Mei­nung nach Unsinn ist, und rechnet voller Vergnügen vor, dass die exakte Durchfüh­rung entsprechender Untersuchungen mindestens sechs Jahre beansprucht. Und er kann es sich nicht verkneifen, gleich noch zu spotten: »Wo aber hätte sich das wil­lensstarke und aufopferungsvolle Menschenpaar gefunden, derartige Untersuchun­gen mit allen ihren Konsequenzen auf sich zu nehmen, und noch dazu in einer Zeit, in der man an die immerwährende Konzeptionsfähigkeit des Weibes glaubte?«

Er hat auch schon einen Verdacht, warum seine Konzeptionsberechnungen von einigen Ärzten abgelehnt werden: Sie sind für die ärztliche Zunft geschäftsschädi­gend, denn sobald die Frauen das Prinzip verstanden haben, sind sie von weiterer Beratung unabhängig. Er zitiert seinen Kollegen Walter Stoeckel von der Berliner Charité, wonach »die Konzeptionsverhütung vielfach bereits zu einer Spezialität geworden ist und von Ärzten, deren gynäkologisches Wissen und Können nur geringen Anforderungen entspricht, als leichte und ergiebige Erwerbsquelle ge­schätzt und erstrebt wird«.

Auf diesen Angriff gegen die ärztliche Arbeitseinstellung antwortet der Arzt und Sexualreformer Max Julius Carl Alexander Hodann im Jahre 1932 mit Schärfe:
»Eine solche Stellungnahme ernsthaften und verantwortlichen Kollegen gegen­über grenzt an Verleumdung. […] Die Ansichten von Knaus sind noch keineswegs restlos anerkannt.« Selbst wenn sie stimmten, bestünden noch große Schwierig­ keiten in der Anwendung: genaue Kalenderführung und entsprechende Disziplin.

»Diese beiden Voraussetzungen [sind] bei der großen Masse der Menschen schwer erfüllbar […]. Es geht aber darum, allen Frauen den notwendigen Gesundheits­schutz durch vernünftige Geburtenregelung zu vermitteln und nicht nur einigen besonders Besonnenen.«

Sein Hamburger Kollege Hans Harmsen verweist hingegen auf die wichtige Rolle der Laienorganisationen, »da sich die Ärzteschaft den Fragen der Beratung über die Möglichkeit der Empfängnisverhütung […] zumeist verschloß und auch ärztlich geleitete Beratungsstellen weithin fehlten […]«. »Im Anschluß an den ›Bund für Mutterschutz‹ und die ›Gesellschaft für Sexualreform‹ organisierten sich […] Laienbünde mit vielen Hunderttausenden von Mitgliedern.«