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Übersiedlung nach Prag

Seiten 85-86

Zu den Vorbereitungen auf Knaus’ Lebensabschnitt in Prag gehört es auch, die kirchliche Hochzeit mit Ružica nachzuholen: Sie findet im Oktober 1934 im Kärnt­ner Wallfahrtsort Maria Saal statt. Die Tochter Ingeborg ist gerade ein dreiviertel Jahr alt.

Die Situation an der Grazer Universität ist unbehaglich und macht Knaus das Weggehen leicht: Unmittelbar nach der Ausschaltung des Parlaments im März 1933 kommt es zu politischen Eingriffen in das Hochschulsystem; im Vergleich zu den späteren Entlassungen und Zwangspensionierungen von Lehrenden im National­sozialismus gelten die Jahre des Austrofaschismus zwar als ›kleiner Einschnitt‹, sie verändern aber trotzdem die Atmosphäre an den Universitäten entscheidend. Um ›Feinde der ständischen Idee‹ auszuschalten, werden Elemente der universitären und studentischen Selbstverwaltung beseitigt – offiziell unter dem Titel ›Ein­sparungsmaßnahmen und Personalabbau‹. Dazu kommen die Einführung eines neuen Beamteneides im Juni 1933 (Einschwören auf den ›christlichen Ständestaat‹) sowie die Pflichtmitgliedschaft in der Vaterländischen Front. Politisch missliebige Lehrende können ohne besondere Verfahren aus der Lehre entfernt oder in den vorzeitigen Ruhestand versetzt werden.

Hermann Knaus verlässt also Graz und übersiedelt 1934 nach Prag. Nun ist er Chef der Geburtshilflichen Klinik in der Prager Apollinarisgasse, heute Apoli­nářská, sowie der Gynäkologischen Klinik in der U Nemocnice 499. Heute sind diese Kliniken die Böhmische Landesgebäranstalt (Zemská porodnice) bzw. das Allgemeine Krankenhaus (Všeobecná nemocnice).

Seine Wohnung und seine Privatordination wählt er in guter Lage in einem eindrucksvollen Gebäude aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gegenüber dem Bahnhof mit der Adresse Lützovova (Lützow­Straße) 39 (ab 1940 wird sie unter dem Einfluss des Deutschen Reiches Beethoven­Straße genannt; im heutigen Stadtplan ist sie unter dem Namen Opletalova zu finden). Sprechstunden finden täglich (außer Samstag) von 15 bis 17 Uhr statt.

Für den Umzug von Graz nach Prag werden ihm 10 000 Tschechische Kronen bewilligt, zwei Drittel davon werden relativ schnell bezahlt, um das restliche Drittel entspinnt sich eine längere Korrespondenz mit dem Ministerium, weil die entspre­chenden Belege verschwunden sind.

Die politische Situation in Prag ist anders als in Graz, aber keineswegs besser:
»Die Prager deutsche Studentenschaft [war] wie kaum eine andere politisiert. Einem Besucher fiel 1929 ›eine politische Interessiertheit, oder besser krankhafte Infektion‹ auf, die völlig von der anderer deutscher und österreichischer Hoch­ schulen abweiche. Eine ›Interessiertheit, […] die zwar ihren guten Grund haben mag, aber, wie die Entwicklung beweist, nicht zum Segen gereicht hat.‹«

Im November 1934 kommt es an Knaus’ neuer Wirkungsstätte zu massiven Studentenunruhen. »Es ist […] kein Zufall, dass gerade die deutschen Studenten Prags sich früher als anderswo mit Begeisterung den nationalsozialistischen Ideen […] verschrieben haben und sich offen dazu bekannten, obwohl ihnen dieses Bekenntnis schwerste Nachteile, Verfolgung und Kerker eintrug.«

Nun soll die deutsche Universität endlich die historischen Universitätsinsi­gnien sowie das Archiv der Karls­-Universität herausgeben: die Gründungsur­kunde von 1348, die aus dem 17. Jahrhundert stammenden Zepter der vier Fakul­täten und des Rektors sowie dessen Amtskette. Nazi­Deutschland und deutsch­ nationale Kreise in der Tschechoslowakei toben. »Es kam zu Demonstrationen, die nicht selten von Gewalt begleitet wurden.«367 »Der Deutschen Universität drohte nicht nur Sperrung, sondern staatliche Gewaltanwendung, dem Deutsch­tum in der Stadt pöbelhafte Exzesse, und so wurden die Insignien unter dem Schutze von 200 berittenen Polizisten, die die Umgebung des Rektorates be­ setzt hielten, in würdiger Form dem Schulministerium ausgefolgt. Rektor und Senat der Deutschen Universität demissionierten; das Ministerium weigerte sich aber, die Demission anzunehmen, und die drohende Gefahr eines tschechischen Regierungskommissärs ließ schließlich die akademischen Behörden auf ihre Ab­sicht verzichten.«

Wenigstens werden Prüfungen und Promotionen eingestellt, die Universität wird bis zum 7. Januar 1935 zugesperrt. Der Prager Anatomieprofessor Max Watzka beschreibt die hochgegangenen Wogen: »Manche Studenten brachen vor Erbitterung in Tränen aus. Sie waren wie versteinert und konnten es nicht glau­ben, daß alle Anstrengungen und Opfer der letzten Tage vergeblich gewesen sein sollten.«