Hermann Knaus Archiv Zur Knaus Übersicht

Eine Kärntner Familie

Seiten 75-76

Trotz seines enormen Fleißes hat Hermann Knaus auch Freizeit. Die wird er sein ganzes Leben gerne als Jäger und Bergsteiger verbringen. Das Dachsteinmassiv mit seinem fast 3000 Meter hohen Gipfel lockt ihn zu den wildesten und gefährlichsten Klettertouren: Er war Erstbegeher des direkten Ausstieges der Torstein­Südwand. Weitere seiner Glanzleistungen waren die Hochtor­Nordwand (Pfannlweg), die Dachstein­Südwand (Steinerweg) und der Däumling (Gosaukamm). Schon als Schüler und erst recht als Student zog es ihn in die Berge; der Vater war besorgt, dass er abstürzen könnte, die Freunde und Kollegen fürchteten, dass er sich die Hände ruinierte, was für die medizinische Karriere sehr hinderlich wäre. Be­reits im Jahr 1916 wurde er in die Akademische Sektion Graz des Österreichischen Alpenvereins aufgenommen, im Sommer 1933 tritt er dem elitären Österreichi­schen Alpenklub bei; für ihn bürgt Prof. Wilhelm Brandenstein, Sprachwissen­schafter und Historiker an der Universität Graz.

Auch die Begeisterung für die Jagd erbt er von seinem Vater Fritz Knaus, in dessen Zimmer »Rehkrone neben Rehkrone [hing], unterbrochen durch drei oder vier Hirschgeweihe, einige Gamskrucken und ein paar Auerhahnfächer«. An Möglichkeiten mangelt es ihm nie: Zum einen wird sein jüngerer Bruder Werner Landesjägermeister von Kärnten, zum anderen kommen viele von Knaus’ promi­ nenten Patientinnen aus Kreisen, in denen Jagdgäste gerne gesehen sind.

Hermann Knaus’ Vorfahren stammen aus Schwaben und der ehemaligen deut­ schen Sprachinsel Gottschee/Kočevje in Slowenien. Sie kamen 1830 als HändlerIn­ nen nach St. Veit an der Glan, einer kleinen Kärntner Provinzstadt mit knapp über 7000 Einwohnerinnen und Einwohnern, aber reicher Geschichte. Hermann wird als eines von acht Kindern geboren. Im Jahr 1900, Hermann ist acht Jahre alt, gibt es in St. Veit drei Ärzte, eine Apotheke, Wannenbäder, Duschbäder, ein Schwimm­ bad, ein Lokalmuseum, drei Kaffeehäuser, ein Mineralbad und drei Gasthäuser mit insgesamt 24 Zimmern.

Hermann Knaus übertreibt nicht, wenn er sein Elternhaus als weltoffen und wohlhabend beschreibt: »Sein Vater übernahm als Zwanzigjähriger das elterliche Geschäft und erweiterte es zum Lebensmittelgroßhandel, der Kaffeerösterei und Essigfabrik. Er wurde der größte Wohltäter und Förderer seiner Vaterstadt, u. a. als Obmann des Verschönerungsvereins, unermüdlicher Befürworter des Touris­mus in der Stadt, als Kunst­ und Münzensammler, Initiator der Prinzhofer­-Aus­stellung 1908 in St. Veit und Hauptgründer des ›Localmuseums‹, […] bedeutender Vorkämpfer für die Anbindung […] ans Eisenbahnnetz, zeitweiliger Obmann des Gesangsvereins und Gründungsmitglied des Turnvereins (1863), also das Muster des liberalen deutsch­nationalen Bildungsbürgers. Die Folge waren Ehrenämter: Vizebürgermeister, Direktionsmitglied der örtlichen Sparkasse, Kurator der Lan­ deshypothekenanstalt und der Grazer Wechselseitigen Versicherung.« In einem Satz zusammengefasst: Er war »eine Art ›Mautner Markhof‹ der Provinz«, also ein einflussreicher Strippenzieher. Die Kommentare der Verwandtschaft fallen nicht uneingeschränkt anerkennend aus: »Bei uns hieß es, ein bissl protzig und neureich habe der Fritz sich schon gegeben.«

Über Hermanns Schulzeit wird gerne der Mantel des Schweigens gebreitet; fest steht, dass er die höhere Schule nicht in St. Veit, sondern in Klagenfurt und schließlich im ca. 90 Kilometer entfernten Knittelfeld absolviert, wo er mit 19 Jahren die Matura ablegt. Ein Blick ins Abschlusszeugnis zeigt schon seine späteren Schwer­ punkte: Religionslehre, Naturgeschichte, Chemie und Turnen ›Sehr gut‹, Physik und Mathematik ›Gut‹. Bloß in den Sprachen werden seine Leistungen nur mit ›Genügend‹ benotet – eine Schwäche, die er bald wettmachen wird. Die Studien­wahl ist »äußerst qualvoll«, da seine Eltern keinen Einfluss nehmen und er sich für vieles interessiert: Zuerst »kokettiert er mit der Jurisprudenz« in Kombination mit einem Studium an der Hochschule für Bodenkultur, anschließend mit Elektrotechnik, endlich entscheidet er sich für die Medizin. Dafür muss er allerdings noch das Latinum und das philosophische Propädeutikum nachholen. Auch die Militär­ lauf bahn hätte ihn gelockt, denn sein Vetter Sigmund Knaus ist Oberstleutnant im Generalstab.