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Nicht in Wochen, sondern in Tagen zählen

Seiten 71-72

Außer der Sammlung unzähliger Daten zur Überprüfung seiner Theorie ge­winnt Knaus noch etwas anderes aus den Praxisberichten: Er anerkennt Oginos Beobachtung, »daß die Bezeichnung des menschlichen Zyklus nach Wochen unge­nau und irreführend ist, und daß wir die Länge des mensuellen Zyklus von nun ab nur mehr in Tagen rechnen dürfen«. Die Bedeutung dieser neuen Zählmethode kann für die weitere Erforschung des Zyklus gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Immer wieder kommt er darauf zu sprechen: »Es ist Oginos großes Ver­ dienst, im Jahre 1930 erneut mit allem Nachdruck darauf hingewiesen zu haben, dass es für eine wissenschaftliche Zyklusforschung nicht mehr angängig ist, die Dauer des mensuellen Zyklus in Wochen auszudrücken, sondern dass für dessen Charakterisierung mindestens zwölf aufeinanderfolgende Menstruationstermine gefordert werden müssten, nach denen erst Länge und Rhythmus des individuellen Zyklustyps in Tagen angegeben werden könnten.«

Generell spricht Knaus gut über Ogino; man mag seinen Ton bisweilen für herab­ lassend halten, wenn er auf Oginos fehlende wissenschaftliche Erfahrung verweist, doch Feindschaft oder Konkurrenzdenken sind nicht zu spüren: Ich »möchte […] noch kurz zu der […] Frage Stellung nehmen, wie weit die Forschungsergebnisse Ogino’s mit den von mir gefundenen übereinstimmen. Ogino gebührt zweifellos das Verdienst, vor mir auf das Bestehen einer physiologischen Sterilität des Weibes während des mensuellen Zyklus mit Bestimmtheit hingewiesen zu haben. Da ihm aber geringere Kenntnisse aus der Physiologie der Fortpflanzung zur Verfü­gung standen, zog er seine Grenzen um den Ovulations­ und Konzeptionstermin viel weiter, als ich es im Jahre 1929 selbstständig und unabhängig von ihm getan habe. […] Daraus ersehen wir, daß sich beide Ansichten über die gesetzmäßig be­ grenzte Konzeptionsfähigkeit der Frau nur im wesentlichen decken. Außerdem hat Ogino vor mir festgestellt, daß unabhängig von der Länge des mensuellen Zyklus in jedem Falle die letzten 11 Tage vor Eintritt der Menstruation steril sind; dage­gen bezogen sich meine ersten Angaben über die Zeitdauer der Konzeptionsfä­higkeit nur auf Frauen mit regelmäßigem Zyklus von 28–30 Tagen und erst später (1931) erfolgte auch von meiner Seite die Ausdehnung der Gesetzmäßigkeiten im Auftreten der physiologischen Sterilität auf alle Typen des mensuellen Zyklus. Die Berechnung des Ovulations­ bzw. Konzeptionstermines durch verkehrte zeitli­che Zählung des mensuellen Zyklus, wie sie von Ogino vorgeschlagen wurde, hat nur theoretischen Wert; ›für die Praxis bewährt es sich‹, wie Ogino selbst betont, ›den Konzeptionstermin vom Beginn der letzten Menses ab zu rechnen‹. Deshalb halte ich es zwecks Vermeidung von Unklarheiten über die Zählung des mensu­ellen Zyklus für richtig, den Eintrittstag der Menstruation weiterhin als 1. Tag des mensuellen Zyklus zu bezeichnen und an der bisher gepflogenen Zählung des Zyklus im Sinne des Fortschreitens der Zeit festzuhalten.«