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Tragödie und Triumph

Am 28. Juni 1951 schreibt Knaus noch zufrieden und voller Pläne an den Schwei­zer Freund Hans Jakob Gerster. Er schwärmt von seiner »schöne[n] Abteilung, in der ich mich operativ ganz entfalten und zeigen kann, was ich klinisch zu leisten vermag. Das ist wichtig, weil meine Widersacher allzu gerne das Gerücht verbrei­ten, ich sei operativ schwach, wenn auch das Gegenteil richtig ist.«

Nun müsse er noch zwei bis drei Wochen in Wien bleiben, um geburtshilflichen Verpflichtungen nachzukommen. Dann wolle er mit seiner Frau Urlaub machen. Sie »fährt morgen früh in die Salzburger Alpen und bleibt dort etwa 4 Wochen«.

Auf der Bahnfahrt am nächsten Tag stirbt seine Frau Ružica mit 42 Jahren an Nierenversagen. Obwohl sie seit Jahren an schwerwiegenden Nierenproblemen litt, kommt der Tod aus heiterem Himmel. Die Parte ist herzzerreißend; Ehe­mann und Tochter fühlen sich »entsetzlich verlassen«. Seine Frau wäre »wahr­scheinlich noch am Leben, wenn wir in […] geordnete Verhältnisse gekommen wären«. Damit spielt er auf die »hintertriebene« Berufung an die Universität Bern an, »[wo wir] den Berner Internisten als Nierenfachmann zur Verfügung ge­habt hätten«.

Nach dem Tod seiner Frau löst Knaus die Wohnung im 3. Bezirk auf und über­siedelt in die Nähe des Rathauses, in die Stadiongasse 6–8/10. Das Gebäude ist ›standesgemäß‹ – Anfang der 1880er­Jahre vom Architekten Otto Wagner erbaut, reich verziert, heute unter Denkmalschutz stehend, beherbergt es ›Luxusdomi­zile‹ und eine Botschaft. Des Professors »Ordination und Wohnung […] atmen mit den Barockmöbeln des Salons und der dunklen Biedermeiereinrichtung seines Arbeitszimmers noch den Wohlstand« seiner Prager Zeit, beschreibt es der Jour­nalist Hellmut Andics. Noch lauter schwärmt Horst Zimmermann, ein Besucher in Knaus’ späten Jahren: »An den Wänden italienische Meister, der helfende Samariter und eine stillende Mutter, Kristalllüster, blau geblümte Polstermöbel und Schränke in Schönbrunner Barock.«

Über den Schicksalsschlag kommt er lange nicht hinweg. Zum ersten Jahrestag ihres Todes schreibt er: »Am nächsten Sonntag fahren wir beide [Knaus und seine Tochter Inge, Anm. d. A.] nach Kärnten zum Grabe meiner unvergesslichen Frau, die ich schmerzlichst vermisse. Wenn ich an sie denke, werde ich fassungslos und untröstlich. Es ist mir so, als ob ich sie gestern verloren hätte …«

Doch nicht nur einen persönlichen Tiefschlag beschert ihm das Jahr 1951, son­dern auch ein berufliches Highlight: Am 29. Oktober 1951 spricht Papst Pius XII. vor einer Versammlung katholischer Hebammen. Darin erklärt er die gezielte Feststel­ lung der unfruchtbaren Tage der Frau zum Zwecke folgenlosen ehelichen Verkehrs für tolerierbar und verwendet das Vokabel ›regolazione‹, also ›Regelung‹. Dies ist das erste Mal, dass ein Papst zustimmend über Geburtenregelung spricht.

Knapp einen Monat später wiederholt Pius XII. seine Zustimmung vor der italieni­schen Vereinigung großer Familien sowie der Familienfront und drückt die Hoff­nung aus, dass die Methode noch verbessert werden könne. Knaus wird spä­ter die kirchliche Sprachregelung erläutern: »Die Ausdrücke ›Geburtenkontrolle‹ und ›Geburtenregelung‹ sind keine medizinischen, sondern moraltheologische Begriffe, die von Papst Pius XII. geprägt wurden, der unter ›Geburtenkontrolle‹ den Gebrauch aller unnatürlichen Mittel und Methoden, und unter ›Geburten­regelung‹ die praktische Anwendung meiner Lehre zu verstehen gegeben hat. Der Mediziner spricht hingegen von einer Empfängnisverhütung.« ›Geschlechtsverkehr‹ heißt in der Kirchensprache übrigens ›ehelicher Akt‹, ›liebende Vereinigung‹ und ›Geschenk der ehelichen Liebe‹.