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Was ist von Knaus geblieben

Seiten 246-247

Sein Aufdecken der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage im Zyklus der Frau war korrekt, wurde inzwischen mit moderneren Methoden bestätigt und gilt folg­lich nach wie vor. Auch seine Beobachtungen und Erklärungen von Grundlagen, Einflüssen und Unregelmäßigkeiten sind richtig.

Warum seine Lehre trotzdem an Bedeutung verloren hat, lässt sich auf zwei Ursachen zurückführen: Zum einen haben veränderte Blickwinkel der Wissen­schaft zu veränderten Bezeichnungen und Modellen geführt. Ein Beispiel dafür sind Knaus’ Überlegungen über physiologische Unterschiede zwischen ›einpha­sigem‹ und ›zweiphasigem‹ Zyklus. Die ›Etikettierung‹ erfolgt also nach pro­zessualen Kriterien. Der einphasige Zyklus ist nach heutiger Terminologie ein ›anovulatorischer‹, womit ausgedrückt wird, dass kein Eisprung stattfindet, weil keine Eizelle vorhanden oder reif geworden ist. Unsere ›Etikettierung‹ orientiert sich also an einem teleologischen Kriterium. Von daher erfordert der richtige Zugang zu Knaus’ Untersuchungsergebnissen medizinhistorisches Fachwissen.

Der zweite Grund für Knaus’ Bedeutungsverlust liegt in der politischen und soziologischen Entwicklung: 1936 wurde ihm der Nobelpreis vorenthalten, weil seine Lehre zu neu sei. Zehn Jahre später sprach seine Funktion während der NS­ Zeit gegen ihn; darüber hinaus hatte er seine ›Hausmacht‹ und seine Unterstützer verloren. Anschließend verdrängten die Ergebnisse der Hormonforschung seinen Weg, obwohl er in physiologischer Hinsicht deren Zuarbeiter gewesen war.

1960 kam die Pille auf den Markt. Obwohl die Ärzteschaft das Thema Schwan­gerschaftsverhütung erst so spät als Aufgabe angenommen hatte, kämpfte sie nun um die Entscheidungshoheit, wer die Pille bekommen sollte (nur verheiratete Ehepaare mit mindestens drei Kindern) und wer nicht. Doch das erstarkte Selbst­bewusstsein von Frauen, die politische Kraft der Frauenbewegung sowie der allgemeine Trend zur Selbstbestimmung hebelten dieses Weltbild aus, demzufolge sich die Patientin vertrauensvoll in die Hände des Arztes begeben sollte, der ihr kraft seines Wissens schon raten würde, was für sie am besten wäre.

Dank dieser wesentlich zuverlässigeren Methode verlor das Tagezählen mit all seinen Unzulänglichkeiten und Einschränkungen schnell an Attraktivität. Daran änderten auch die Nachteile und Nebenwirkungen der Pille nichts, die aufgrund der anfangs höheren Hormonmengen bei manchen Frauen auftraten. Weder der Widerstand der Ärzteschaft noch die Ablehnung durch die Kirche konnten den Siegeszug der Pille und damit einhergehend die Verdrängung der Knaus­Ogino­ Lehre stoppen.

Eher im Schatten der Erinnerung steht Knaus’ Einfluss auf die Geburtshilfe: Wann wird das Baby kommen? Tatsächlich berücksichtigt die erweiterte Regel nach Nägele, wie sie heute angewandt wird, nun auch die Zykluslänge, sofern sie von der als durchschnittlich angenommenen 28­Tage­Dauer abweicht. Doch wel­che schwangere Frau weiß denn, wann ihr Eisprung war? Der 1. Tag der letzten Regel wird hingegen meist erinnert.

In der heutigen Praxis wird die Berechnung des voraussichtlichen Geburtster­mines durch das Ergebnis der Ultraschalluntersuchung bestimmt. Diese kann die Schwangerschaftsdauer sehr exakt bestimmen, vor allem in der frühen Schwangerschaft, weil es in dieser Entwicklungsperiode noch kaum individuelle Größen­ unterschiede beim Fetus gibt.

Zuletzt bleibt noch die Frage nach Knaus’ politischer Verortung. Mit anderen Worten: War er ein Nazi­Arzt? Die Medizinhistorikerin Martina Schlünder sieht in ihm einen Opportunisten: »[Knaus] war […] daran interessiert, diejenigen gesell­ schaftlichen Gruppen als Partner zu gewinnen, die ihm und seiner Lehre die größt­mögliche Anerkennung und Einflußnahme zuerkannten.« Um seine »Methode als ›natürliche‹ und moralisch unbedenkliche Empfängnisverhütung [zu propagie­ren]«, habe er zuerst eine Allianz mit wichtigen NS­Funktionären und nach 1945 mit der katholischen Kirche in Österreich geschlossen. Eine weitergehende Verstrickung von Knaus konstatiert sie jedoch nicht.

Der Medizinhistoriker Michael Hubenstorf sieht in Knaus einen überzeugten rechten Parteigänger. Als einen Beweis dafür zieht er die erwähnte Kandidatur von Knaus für die FPÖ bei der Ärztekammerwahl im Jahr 1954 heran.
Ein massiver Vorwurf bezüglich NS­Verbrechen kommt lediglich von der Bre­mer Ethnologin Michi Knecht. In einer von ihr herausgegebenen Studierenden­ publikation des Jahres 2010 ist zu lesen: »[M]it dem Nationalsozialismus ergab sich für viele Ärzte, wie den Gynäkologen Hermann Knaus […] die Möglichkeit zu systematischen Experimenten mit menschlichem Sperma, vor allem auch an den Körpern zwangssterilisierter Männer und den Leichen Hingerichteter.«

Die angeführte Quelle (F. Vienne, 2006) erwähnt Knaus mit keinem Wort.
Knaus’ eigene Publikationen über Spermien (siehe Liste seiner Veröffentlichungen ab Seite 258) lassen den erhobenen Verdacht ebenfalls nicht zu, denn er arbeitete mit Kaninchen. Hinweise für eine Verstrickung von Knaus in NS­Verbrechen sind in keinem Archiv zu finden und auch bei akademischen Knaus­Kennern nicht bekannt.